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Hinweis

Zur Entstehung des Namens Sellinat


Die litauischen Namen
Die Wortendung -aitis war im Litauischen bei den Namen zur Bildung von Paronymika, aber auch allgemein als Verkleinerungsnachsilbe (=Deminutivsuffix) im Gebrauch. Beispiele für das Deminutivsuffix sind akmenaitis ~ kleiner Stein oder mergaite ~ kleines Mädchen.

Die Namen auf –aitis oder –atis verdanken ihre Entstehung der einstigen Verwendung dieses Suffixes zur Bildung von Patronymika (=vom Namen des Vaters hergeleitete Familiennamen). In den kaukehmer Kirchenbüchern sind sie vor allem in der schriftlitauischen Form –aitis, aber auch in der mundartlichen monophtongisierten Form –atis zu finden. Die mundartliche Verschleifung des -aitis zu -atis ist nach Fenzlau (1936) erst ab ca. 1700 zu finden. Bei Mädchennamen entsprach dem -aitis das Suffix -aite bzw. -ate.
Das Suffix -aitis wurde später zum festen Bestandteil der Namensformen: bis 1850 hatte es im Mittellitauischen seine Funktion zur Patronymikabildung weitgehend verloren. Das Patronymikon wurde als Endung –at in den Namen der Väter zum festen Namensbestandteil. "Hätte man nun die alte Bildungsart beibehalten wollen, dann hätte man (bei Sellenat die Form Sellenatate) gebrauchen müssen. Um dies zu vermeiden, ersetzte man in diesen Fällen -ate durch das Suffix -ike, das dann auch bei allen übrigen Namen in Anwendung kam." (Fenzlau 1936, S. 112ff.. Die Quellen sind unten aufgeführt)

Der Name Sellennaitis / Sellinat
Der Name Sellinat hat seinen Ursprung in dem litauischen Namen Sellenaitis. Kritups Selleneit deutschte nach seiner Einwanderung um 1860 nach Westpreußen seinen Namen ein: in der Heiratsurkunde 1861 in Freystadt/Wpr. wird er noch Selleneit genannt, in der Sterbeurkunde 1912 in Limbsee bei Freystadt ist er als Christoph Sellinat eingetragen.

Der Name Sellenaitis ist außer in den genanten Paronymikabildungen noch in vielen anderen Schreibweisen zu finden: z. B. mit „ll“ oder „l“, mit „ei“ oder „ai“, aber auch ohne „is“ oder mit „te“ am Ende. Das liegt zum großen Teil an der Schreibunsicherheit der Kirchenbuchführer und der Schreiber: Rechtschreibung in unserem Sinne gab es noch nicht und mundartliche Einwirkungen führten immer wieder zu leichten Namensänderungen. Auch erfolgte die Eintragung der Namen in Urkunden und Registern bis ins 19. Jh. Hinein fast nie nach Einsicht urkundlicher Unterlagen, sondern nach mündlicher Angabe. Wir finden daher oft zahlreiche Namensvarianten selbst in ein und derselben Niederschrift. Der Name eines Vaters kann bei der Geburt verschiedener Kinder in unterschiedlicher Schreibweise eingetragen sein: z.B. Jurgis Selenait *15.04.1795, als Vater der Maryke im Kirchenbucheintrag vom 09.01.1823 ‚Sellenaitis‘, als Vater des Kristups im Eintrag vom 16.03.1835 ‚Sellenat‘.

In den mir bekannten Quellenforschungen hatte der Name Sellinat in seinen ursprünglichen Formen im 18. und 19. Jahrhundert seinen Verbreitungsschwerpunkt im südlichen Litauen und im nördlichen Ostpreußen. In den Kirchenbüchern der evangelischen Kirche Kaukehmen und anderen Arbeiten taucht dieser Name eher selten auf, es scheint mir ein eher weniger gebräuchlicher Name zu sein. (Vgl. hierzu: 1) Boretius G. 1991; 2) Altpreußische Geschlechterkunde, versch. Bände; 3) Lietiviu Pavardziu Zodynas 1989; 4) Kenkel, H. 1968; 5) Möller, F. 1992)


Für die Herkunft des Namen Sellinat gibt es zwei Deutungsmöglichkeiten:


Der Name Sellenat, wohl entstanden aus Sel(l)en(n)aitis, wie er auch in den Kirchenbüchern des 18. und 19. Jahrunderts zu finden ist, ist im Wörterbuch der litauischen Familiennamen (Lietiviu Pavardziu Zodynas 1989) belegt für Klaipeda (Memel) und Silute (Heidekrug). Der Ursprung dieses Namens ist nicht klar. Bei dem ähnlichen Namen Selenis finden sich Verweise auf weißrussische Namen, deren Bedeutung mit „Einwohner“ zu tun hat. Der Buchstabe „S“ wird hierbei im Litauischen stimmlos ausgesprochen wie „weiß“.

Geht man vom stimmhaften „S“ wie etwa im Deutschen „sagen“ aus, so steht dafür im Litauischen der Buchstabe „Z“. Unter diesem Buchstaben finden sich im Wörterbuch der litauischen Familiennamen zahlreiche Familiennamen, die mit „Zelen-„ beginnen. Im Polnischen und Weißrussischen – aus diesen beiden Sprachen stammen die angegebenen Beispiele – hängt dieser Wortstamm mit „grün“ zusammen. Diese Namen tauchen jedoch nicht mit der Endung -aitis auf.


Wesentliche Wanderungsbewegungen von Weißrußland nach Litauen oder in das nördliche Ostpreußen hat es jedoch nicht gegeben. Aus Polen sind jedoch für die Zeit von 1384 bis 1519, und zwar insbesondere für die Zeit nach dem 2. Thorner Frieden 1466, zum Teil recht massive Zuwanderungen zumindest nach Masuren belegt (vgl. Gause, F. 1924). Das spricht dafür, daß der Name ursprünglich aus dem Polnischen stammt und eine Bedeutung wie „Grünling“, „Grüner“ oder ähnlich hat. Er wäre dann von polnischen Zuwanderern über Litauen ins nördliche Ostpreußen gebracht worden.

Die ältesten mir bekannten Namensnachweise „Selleneit, -ait“ sind aus dem Dorf Sellen bei Kaukehmen ca. 22 km westnordwestlich von Tilsit belegt (Angaben aus dem 17. Jh. in Boretius, G. 1991. Etwa zwei Drittel aller Ortsnamen des Memelgebietes sind ihrem Ursprung nach lediglich flektierte Personennamen (vgl. Fenzlau, W. 1936, S. 123). Hier haben die  Familien einzelner Siedler eine wichtige Rolle bei der Namensgebung ihrer Siedlungsgründungen übernommen (vgl. Potschka, H. 1956, S.11). So ist es also durchaus möglich, daß das Dorf Sellen aus einer Ansiedlung einer Familie Sellenait entstanden ist. Dieses Dorf ist inzwischen erloschen: es war im 2. Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut worden.



Andere heutige Formen des Namens Sellinat:
Neben dem Namen Sellinat kommen in Deutschland ähnliche Namen vor, die auch auf den Ursprungsnamen Sellenaitis zurückgehen:

Sellinath:

Die Namensträger Sellinath gehören zu den in diesem Buch beschriebenen Nachkommen des Walluttis Sellenatis. Sie sind Nachkommen des Bruno Sellinath *25. Mai 1883. Es heißt, daß dessen Name in einem Standesamteintrag versehentlich mit „h“ am Namensende verschrieben wurde.

Sellenat:
Im Raum Magdeburg lebt eine Familie Sellenat, deren Wurzel im ostpreußischen Kaukischken= Breitenstein, Kreis Tilsit liegt. Diese Familie hieß ursprünglich Sellenath, mußte aber während der Zeit der DDR ihren Namen in Sellenat ändern. Mit dieser Familie Sellenat ist die inzwischen in ihrer Namenslinie erloschene Familie Selnat verwandt, die in Hambergen nördlich von Bremen lebte. Diese Familie war 1945 aus Kaukischken= Breitenstein, Kreis Tilsit nach Westen geflohen. Ihr Name war ursprünglich Sellenat und wurde über Sellnat nach Selnat geändert.

Sellenath:
In der Schweiz lebt eine Familie Sellenath, deren Herkunft und deren mögliche Beziehung zu den anderen Sellinat-Namensformen noch ungeklärt ist.



Literatur zum Thema:
Altpreußische Geschlechterkunde. Neue Folge, ab 1953.

Boretius, Günter (Bearb.): Die Kartei Quassowski; Buchstabe Se - Sz. Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V.: Quellen, Materialien und Sammlungen zur altpreußischen Familienforschung (QMS) Nr. 1, Hamburg: Selbstverlag des Vereins 1991.

Fenzlau, Walter: Die deutschen Formen der litauischen Orts- und Personennamen des Memelgebietes. Zeitschrift für Mundartforschung, Theutonista, Beiheft 13. Halle/Saale: Max Niemeyer Verlag 1936.

Gause, Fritz: Polnische Einwanderung in die Komturei Osterode nach dem 2. Thorner Frieden (1466). Altpreußische Forschungen 1, 1924, H. 2, Königsberg i. Pr.. Nachdruck in: Sonderschriften des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V., Nr. 65/1. Hamburg: Selbstverlag des Vereins 1989.

Kenkel, Horst: Bauernlisten des Amts Tilsit aus der Zeit vor und nach der großen Pest von 1709/10. Sonderschriften des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V., Nr. 23. Hamburg: Selbstverlag des Vereins 1972.

Lietiviu Pavardziu Zodynas (Wörterbuch der Litauischen Familiennamen). Vilnius "Mokslas" 1989.

Möller, Friedwald: Amts-Blatt der Königlichen Preußischen Regierung zu Gumbinnen; Personenkundliche Auszüge 1811 - 1870. Sonderschriften des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V., Nr. 70. Hamburg: Selbstverlag des Vereins 1992.

Potschka, Herbert: Die ostpreußische Kirchengemeinde Kuckerneese. Beihefte zum Jahrbuch der Albertus-Universität Königsberg/Pr. XVIII. Würzburg: Holzner-Verlag 1956.




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