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Aufstieg der Fa. Schmidt & Melmer (1)


 

Mit dreißig Jahren machte sich mein Urgroßvater Thomas Carl Schmidt 2 als junger Blechschmied in dem Siegerländer Industriedorf Weidenau selbstständig und gründete 1870 eine Rohrschmiede. Sie befand sich in einem Fachwerkgebäude im Ortsteil Schnep­penkauten zwischen Schulstraße und Untere Friedrichstraße. Hier produzierte er zusam­men mit einigen Hilfskräften zunächst Ofenrohre und -knie sowie Fülltröge und Schöpf­kellen aus Eisenblech. Eine Biegemaschine, eine Bohrmaschine und eine Blechschere stellten die erste maschinelle Einrichtung dar, das genügte damals vollauf für die Her­stellung dieser Produkte. Nach und nach erstreckte sich die Produktion auch auf andere Haus- und Küchengeräte wie Eimer und Bütten, die bis dahin zumeist aus Holz oder Kup­fer gemacht worden waren. Das Absatzgebiet erstreckte sich auf die Provinzen Rheinland und Westfalen. Im Jahre 1880 nahm Schmidt seinen Freund, den Kaufmann Heinrich Melmer als Kompagnon in die Firma, sie firmierte seitdem unter dem Namen „Schmidt & Melmer, Weidenau (Sieg)“. Innerhalb des Unternehmens deckte Thomas Carl Schmidt den technisch-handwerklichen und Heinrich Melmer den kaufmännischen Teil ab.

In den 1880er Jahren trat auf dem Gebiet der Blechherstellung und -verarbeitung ein deutlicher Aufschwung ein. Immer mehr Haushaltungsgegenstände wurden aus Eisen­blech hergestellt, die bald durch Rostschutzverfahren, hauptsächlich Verzinkung, haltbar gemacht werden konnten. Eine eigene Verzinkerei wurde von Schmidt & Melmer gebaut und 1890 in Betrieb genommen. Den Kindern der beiden Fabrikanten riefen ihre Spiel­gefährten, um sie zu ärgern, im Dialekt nach: „Schmedde-Melmer Companji, verzenkte Eimern rostern nie!“Die inzwischen aufblühende Maschinenbauindustrie entwickelte und baute Blech­bearbeitungsmaschinen, die eine industrielle Fertigung verzinkter Gegenstände möglich machte. Allerdings war diese Modernisierung von der Automation, wie wir sie heute kennen, noch weit entfernt. Immerhin konnte durch sie die steigende Nachfrage nach Blechwaren Rechnung getragen werden.

Da im Siegerland damals ein bedeutender Anteil der deutschen Feinblechproduktion erzeugt wurde 3, wurde die Weiterverarbeitung der Bleche zu einer Domäne vieler kleiner und mittlerer Siegerländer Handwerks- und Industriebetriebe. Ein besonderer Bedarfs­zweig entstand durch die zunehmende Beheizung der Wohnhäuser mit Kohle bzw. Koks oder Briketts. Die oft noch glühende Asche konnte nicht anders als in Metallbehälter ent­sorgt werden. Verschiedene Arten solcher „Ascheneimer“ oder „Aschentonnen“ kamen auf den Markt. Die Fa. Schmidt & Melmer präsentierte in der „Illustrierten Preisliste“ von 1904 zahlreiche Modelle von Ascheeimern mit und ohne Deckel. Das ausgefeilteste Modell in dieser Preisliste war damals der „Blitzeimer“, ein Müllgefäß mit Schließvorrich­tung: „Die Schliessvorrichtung verhindert, dass beim Umfallen dem Eimer etwas entfällt und Hunde nicht mehr darin herumstöbert können.“ 4

 

02 1904 01 Blitzeimer 

 

In dieser Zeit wuchs in den Kommunen das Bewusstsein für die zunehmend proble­matische Stadthygiene. Mit der Industrialisierung und dem Bevölkerungswachstum stieg in den Städten die Abfallmenge an, für die es bis ins beginnende 20. Jahrhundert kaum systematische Entsorgungskonzepte gab. Der Müll wurde in der Regel in offenen Behäl­tern, Kartons, Tüten und anderem mehr auf die Straßen gestellt. Dort durchsuchten zu­nächst Hunde und Abfallsammler den Müll bevor er ungeregelt abgefahren wurde. Dies führte nicht nur optisch, sondern auch hygienisch zu oft unhaltbaren Zuständen. Durch die offene Müllabfuhr ohne jeglichen Staubschutz waren zudem die damit beauftragten Arbeiter gesundheitlich gefährdet.

In diesem Umfeld schlossen sich 1912 die Leiter städtischer Fuhrparks- und Straßen­reinigungsbetriebe Deutschlands zum „Verband kommunaler Fuhrparksbetriebe“ zusam­men. Dieser setzte sich die Modernisierung der Müllabfuhr zur Aufgabe. Zielführend dabei war, dass der Verband die Zusammenarbeit mit Industrie und Wissenschaft suchte.5

Verschiedene Unternehmen hatten bereits Müllgefäße entwickelt, die für die staubfreie Müllabfuhr geeignet waren. Eines der ersten Systeme wurde 1907 von der Fa. Bauer in Köln als „Colonia-System“ patentiert und auf den Markt gebracht. Ein weiteres System zur staubfreien Entleerung von Mülleimern aus normierten Mülleimern und dazuge­hörenden LKW-Aufbauten stammte von der Zürcher Firma Ochsner und gelangte in Deutschland erstmals 1909 in Fürth zum Einsatz.6

03 Fabrik 1900

Schmidt & Melmer, idealisierte Zeichnung auf einer Rechnung vom 30.9.1905

 

Schmidt & Melmer hatte in den 1890er Jahren neben der Produktion von Haushaltsge­genständen einen Entwicklungs- und Produktionsschwerpunkt für Müllgefäße aufgebaut. Das Unternehmen entwickelte das „Es-Em-Ringsystem“, das 1925 unter dem Titel „Vor­richtung zur staubfreien Entleerung von Müllgefäßen in Müllwagen“ und mit der Patent­nummer 476859 patentiert wurde.7 Nach zahlreichen Einsprüchen von Konkurrenzfir­men 8 wurde die Erteilung des Patents erst am 8. Mai 1929 bekannt gegeben. Es setzte sich schnell als das System für staubfreie Müllabfuhr am Markt durch und wurde Marktführer: „[...] noch im selben Jahr [d. i. 1925] entschieden sich Essen, Harburg-Wilhelmsburg und Bocholt für dieses System, im folgenden Jahr Düsseldorf, Hamburg, Köln und 13 weitere Städte. In den ersten sechs Jahren führten insgesamt 109 in- und ausländische Städte Müll­gefäße und Einschüttöffnungen der Weidenauer Firma ein; bis zum 1.1.1955 waren es be­reits 490 Städte.“ 9 Die meisten Kommunen führten das neue System mit einem Müllton­nenkaufzwang ein. In der Anfangszeit gab eine Firmenbroschüre gegen den zu erwartenden Bürgerprotest den praktischen Rat: „Der Widerstand der Nörgler wird durch Polizeistrafen zu brechen sein.“ 10

 

04 1929 Patent 476850

Abb. 4: Kopf der Patentschrift Nr. 476 850: Vorrichtung zur staubfreien Entleerung von Müllgefdßen in Müllwagen. Das war das Kernpatent der Fa. Schmidt & Melmer

 

Der Weg zu diesem Erfolg war jedoch nicht einfach. Es galt, sich gegen Mitbewerber und andere Systeme zu behaupten:

„Um die Jahrhundertwende entstand in Deutschland das Wechseltonnensystem, bei dem Mülltonnen mit 110 Liter Fassungsvermögen, die den Abfall ganzer Hausgemein­schaften aufnehmen, jeweils gegen leere Tonnen ausgewechselt werden. Dieses System ist recht kostspielig, da die kompletten Mülltonnen zur maschinellen Leerung und Säu­berung auf den Abladeplatz gefahren und dann wieder zu den Häusern zurückbefördert werden müssen. Als bedeutend wirtschaftlicher erwies sich das Umleersystem, bei dem entweder Mülltonnen mit 110 Liter Inhalt für sämtliche auf einem Grundstück woh­nenden Mietparteien oder Mülleimer mit 35 Liter Fassungsvermögen für die einzelnen Haushaltungen sowie entsprechende Gefäße mit 50 Liter Inhalt für die gewerblichen Betriebe in Müllwagen entleert und dann auf ihren üblichen Platz zurückgestellt werden.

An der Entwicklung beider Sy­steme war die Firma Schmidt & Melmer maßgeblich beteiligt. So stellte sie seit dem Jahre 1895 für die Stadt Berlin viereckige Müll­kästen des Systems ,Staubschutz‘ her, die in eine auf den Müll­wagen aufgebaute Vorrichtung, die sogenannte Schüttung, entleert wurden; die Einschüttvorrichtung wurde von den Deckeln der Müllgefäße geöffnet und geschlossen. Gleichfalls mit viereckigen Gefäßen folgte im Jahre 1912 das ,Colonia‘-System, dessen Besonderheit ein gebogener, um eine Achse schwenkbarer Deckel, aber mit den gleichen Funktionen wie beim System ,Staubschutz‘ war. Diesen beiden alten Umleersystemen hafteten jedoch noch allerlei Mängel an, so daß immer wieder der Wunsch nach einer besseren Lösung des Müll­abfuhrproblems laut wurde. Sie fand sich endgültig im Ringsystem ,SM‘ der Firma Schmidt & Melmer, dessen Konstruktion den Abschluß jahrzehntelanger Bemühungen und einen Markstein in der Entwicklung des Weidenauer Unternehmens bildete.“ 11

Moisi beschreibt die Funktionsweise des Es-Em-Ringsystems so:12

„Das Ringtonnensystem Es-Em, das die Firma im Jahr 1925 erstmals vorstellt und das ein halbes Jahrhundert lang in vielen deutschen Städten zum Einsatz kommen wird, setzt sich aus ,zwei Hauptbestandteilen‘ zusammen: ,die der Müllsammlung dienenden Müll­gefäße und die an dem Müllwagen anzubringende, die staubfreie Entleerung der Müllge­fäße sichernde sogenannte Schüttung‘. Diese Schüttung besteht aus ,drei zwischen Seiten­wänden schwindenden Scharnierplatten‘ [...]. Während die Mülltonnen entleert werden, ,befindet sich die auf dem Gefäßdeckel angebrachte Deckelnase im Eingriff mit der Ver­schlußklappe‘. Der Patentschutz der Firma Schmidt und Melmer umfasste die Idee eines automatischen Mechanismus zum Öffnen und Schließen der Mülleimer, sobald diese zur Entleerung an die Vorrichtung am Müllwagen angekoppelt wurden. Der undurchlässige Schüttmechanismus sollte den Austritt von Staub ,praktisch völlig unterbinden‘ [...]. Die staubfreie Müllabfuhr manifestiert sich als die ,lückenlose‘, vollständige Verschließung von Mülltonnen während ihres Einsatzes bei der Entleerung und beim Transport.“

Der Kippvorgang durch mechanische Hilfe beschleunigte und erleichterte die Arbeit für den Müllwerker und steigerte den Rationalisierungseffekt.13 Der 1937 erfundene so­genannte „Luftkipper“ bewirkte eine weitere Entlastung der Müllarbeiter: Mittels pneu­matischer beziehungsweise hydraulischer Elemente konnte der Kippvorgang nun durch eine Person und ohne weitere körperliche Belastung automatisch ausgeführt werden.14

 

11 ES EM Ringsystem

 

Das patentierte Es-Em-Ringsystem wurde zum Schlüssel für den Erfolg der Fa. Schmidt & Melmer bis in die 1950er Jahre, als das Patent ausgelaufen war. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs schnell von 142 im Jahr 191215 auf 300 bis 400, die in den Krisenzei­ten der späteren 1920er Jahre nicht wesentlich verringert werden musste. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geriet Schmidt & Melmer in eine Krise, weil der Transport der Blechwaren von Schmidt & Melmer mit der Eisenbahn erschwert war: Kriegswichtige Güter hatten beim Bahntransport während des Krieges Vorrang. In dieser Zeit passte die Firma jedoch ihre Produktpalette an die aktuellen Marktbedürfnisse an, die von der Rüstungsproduktion geprägt war. Schmidt & Melmer stellte Tragebüchsen für die „Deut­sche Volksgasmaske“ VM 37 her.

Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte Schmidt & Melmer zeitweise auch Zwangsarbeiter: 1944 waren 26 von 88 Beschäftigten Zwangsarbeitskräfte.16

 

12 Werksanlagen

Schmidt & Melmer, Weidenau. Werksanlagen an der Bahnlinie Siegen – Kreuztal

 

Weiterlesen: 

→  Die Blechwarenfabrik Schmidt & Melmer, Weidenau (Sieg) - Pioniere der staubfreien Müllabfuhr

Aufstieg der Fa. Schmidt & Melmer   

→  Produktion von Müllgefäßen mit Es-Em-System in den 1950er Jahren

→  Die Auskunftsstelle für Müllbeseitigung

→  Auf dem Höhepunkt

→  Niedergang und Ende der Fa. Schmidt & Melmer

 

 

 

Anmerkungen:

1    Wesentliche Informationen v. a. des ersten Kapitels stammen von meinem Onkel Dipl.-Ing. Joachim Schmidt, Essen, der als Student noch vor der Bombardierung im 2. Weltkrieg bei Schmidt & Melmer gearbeitet hatte.

2    Thomas Carl Schmidt war die ursprüngliche Schreibweise seines Namens, der später oft Karl Schmidt geschrieben wurde.

3    Vgl. Alfred Lück, Die eisenschaffende und -verarbeitende Industrie des Siegerlandes. In: Landkreis Siegen (Hg.): Siegerland zwischen gestern und morgen. Siegen 1965, S. 43-68, S. 59.

4    Wörtlich zitiert: Das ist etwas unglücklich ausgedrückt und wohl auch anders gemeint, aber so wörtlich über­nommen aus: Schmidt & Melmer (Hg.), Illustrierte Preisliste über Winterartikel wie Kohleneimer, Kohlenfüller, Ascheeimer etc. Ausgabe 1904. Weidenau (1904), S. 20.

5    Vgl. Gustav Adolphs, Der städtische Fuhrpark und seine Betriebe in Köln am Rhein - Eine Artikelserie aus der Zeitschr. "Die Städtevereinigung" ; Überreicht durch Schmidt & Melmer, Auskunftstelle für Müllbeseitigung, Weidenau-Sieg 1929, S. 64.

6    Vgl. Gottfried Hösel, Unser Abfall aller Zeiten. Eine Kulturgeschichte der Städtereinigung. Hg. v. Verband Kom­munaler Städtereinigungsbetriebe e. V München 1987, S. 175.

7    Schmidt & Melmer in Weidenau, Sieg, Vorrichtung zur staubfreien Entleerung von Müllgefäßen in Müllwagen. Patent angemeldet durch Schmidt & Melmer in Weidenau, Sieg am 03.01.1925. Veröffentlichungsnr: 476850.

8    Vgl. Stefan Mlodoch, Der Wohlstand forderte die Fahrzeugtechnik. In: ENTSORGA - MAGAZIN Entsorgungs­Wirtschaft 9, 2001, S. 58-68, hier: S. 62.

9    Sonja Windmüller, Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem. Mün­ster 2004, S. 73-74.

10  Ulrike Rückert, Von der Müllgrube zur Kreislaufwirtschaft. Eine Geschichte der Abfallentsorgung (Wissen). Süd­westrundfunk SWR 2, 30.06.2006, 8.30 Uhr.

11  Hans Otto Schwarz, Schmidt & Melmer und das Ringsystem „SM". Müllgefäße aus Weidenau in den deutschen Städten und Gemeinden - Die Erfindung der staubfreien Müllabfuhr im Siegerland, in: Aus dem Siegerland. Werkszeitung der Siegerländer Industrie 8.13 1958, S. 3-5. S. 3-4.

12 Laura Moisi, 'Jeder Mülltonne ihren Schrank.’ Einkapselungen und Infrastrukturen des Mülls. In: Christoph Neubert, Christina Bartz, Monique Miggelbrink und Timo Kaerlein (Hg.): Gehäuse: Mediale Einkapselungen: Marburg 2019, S. 197-216. Online verfügbar unter https://doi.org/10.25969/mediarep/3966. S. 201. Moisi zi­tiert aus: Fa. Schmidt & Melmer (Hg.), Zusammenfassende Darstellung des gesamten Aufgabenkreises der Haus­müllbeseitigung, Feudingen, 1940, S. 29 f. (Sign. Sammlung Erhard: A 729).

13 Vgl. SASE gGmbH (Hg.), Asche, Kehricht, Saubermänner. Stadtentwicklung, Stadthygiene und Städtereinigung in Deutschland bis 1945, Iserlohn 2010, S. 250.

14 Vgl. Beate Mechthild Schulz, Müll. Die Entwicklung der Städtereinigung und Abfallbeseitigung in Berlin zwi­schen 1700 und 1930. In: Form + Zweck, Fachzeitschrift für industrielle Formgestaltung 45, 1992, S. ...

15 Vgl. Gerhard Hufnagel, Interesse und Verantwortung. Die metallindustriellen Arbeitgeberverbände des Siegerlan­des vom Kaiserreich bis zur Deutschen Diktatur. Siegen 2000, S. 120.

16  Vgl. Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Kreisvereinigung Siegerland-Wittgenstein: Regionales Personen­lexikon zum Nationalsozialismus in den Altkreisen Siegen und Wittgenstein. Online einzusehen unter http:// akteureundtaeterimnsinsiegenundwittgenstein.blogsport.de/a-bis-z/gesamtverzeichnis/2/ (Stichwort ,Melmer‘).




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