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Die Blechwarenfabrik Schmidt & Melmer, Weidenau / Sieg


von Joachim Schmidt, Essen Die Daten der Familie Schmidt, nämlich der Vorfahren des Fabrikanten Thomas Carl Schmidt, soweit nachweisbar, und seiner Nachfahren, soweit ausfindig gemacht, wären ohne eine Darstellung der Firma Schmidt & Melmer in Weidenau / Sieg unvollständig. Über deren etwa 90 Jahre währende Existenz wissen die Nachfahren des Gründers nur wenig. Weil eine vollständige Firmengeschichte wohl nie geschrieben wurde, soll hier auf der Grundlage der wenigen veröffentlichten Berichte über die Firma eine diese zusammenfassende Darstellung versucht werden. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wohl aber Korrektheit der Wiedergabe der in den Veröffentlichungen enthaltenen Fakten.


Fotos der Fa. Schmidt & Mellmer


Dreißig Jahre war er alt, der junge Blechschmied Thomas Carl Schmidt, als er sich 1870 in dem Siegerländer Industriedorf Weidenau (1333: Wydenauwe) selbstständig machte, eine Rohrschmiede gründete. Sein Vater, Ludwig Christoph Engelbert Schmidt war aus Daaden a. d. Sieg zugewandert und hatte am 9.Juli 1837 die Tochter des zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Bäckers Johann Henrich Nöh zur Hardt geheiratet. Er war als "Tagelöhner in Hardt (Ortsteil von Weidenau) und Polizeidiener in Weidenau" tätig. Vier Kinder, 2 Jungen und 2 Mädchen waren zu ernähren. Jacob wurde Gastwirt, die Mädchen Katharina und Elisabeth heirateten, ohne eine eigene Berufsausbildung absolviert zu haben.

Sein Sohn Thomas Carl hatte im Ortsteil Schneppenkauten zwischen Schulstraße und Untere Friedrichstraße eine Schmiede in einem Fachwerkgebäude eingerichtet. Er stellte hier zusammen mit einigen Hilfskräften zunächst Ofenrohre und -kniee sowie Fülltröge und Schöpfkellen her. Eine Biegemaschine, eine Bohrmaschine und eine Blechschere stellten die erste maschinelle Einrichtung dar, sie genügte damals vollauf für die Herstellung dieser Produkte. Nach und nach erweiterte sich der Bedarf ihrer Kunden auch auf andere Haus- und Küchengeräte, die bis dahin zumeist aus Holz oder Kupfer gemacht worden waren, wie Eimer und Bütten. Das Absatzgebiet erstreckte sich auf die Provinzen Rheinland und Westfalen.

Er hatte 3 Jahre zuvor 1867 in Dillenburg Johannette Karoline Thielmann geheiratet die ihm 5 Kinder gebar , sie starb bereits in den ersten Tagen des Jahres 1881, das jüngste Kind war gerade 15 Monate alt. 4 Jahre später heiratete der fünffache Vater erneut, es war die 1855 in Brauersdorf geborene Gertrud Sassmann, die Mutter von 11 weiteren Kindern, wovon allerdings 3 schon früh verstarben.

Die Familie war kontinuierlich gewachsen, glücklicherweise aber auch die Nachfrage nach den Produkten, die in seiner kleinen Firma hergestellt wurden. Im Jahre 1880 nahm er seinen Freund, den Kaufmann Heinrich Melmer als Kompagnon in die Firma, sie hieß nun "Schmidt & Melmer, Weidenau(Sieg)". Die beiden Freunde gehörten zu den Dissidenten, einer aus der pietistischen Erweckungsbewegung hervorgegangenen evangelisch-freikirchlichen Gemeinschaft; 47 Personen gehörten im Jahre 1881 dazu, neben 382 evangelischen und 266 katholischen Einwohnern in diesem Ortsteil Weidenaus.

In den achtziger Jahren trat auf dem Gebiet der Blechherstellung und -verarbeitung ein schwunghafter Auftrieb ein. Immer mehr Haushaltungsgegenstände wurden aus Eisenblech hergestellt, die nun bald durch Rostschutzverfahren, hauptsächlich Verzinkung, haltbar gemacht werden konnten. Eine eigene Verzinkerei wurde von S&M gebaut und 1890 in Betrieb genommen. Den Kindern der beiden Fabrikanten riefen ihre Spielgefährten, um sie zu ärgern, im Dialekt nach: "Schmedde-Melmer Companjji, verzenkte Eimern rostern nie!"

Die inzwischen aufblühende Maschinenindustrie entwickelte und baute bald Blechbear-beitungsmaschinen, die eine industrielle Fertigung verzinkter Gegenstände möglich machte, allerdings von Automation, wie wir sie heute kennen, war diese Modernisierung noch weit entfernt. Immerhin konnte nun der steigenden Nachfrage nach Blechwaren Rechnung getragen werden.

Da im Siegerland damals ein bedeutender Anteil der deutschen Feinblechproduktion erzeugt wurde , wurde die Weiterverarbeitung der Bleche zu einer Domäne vieler kleiner und mittlerer Siegerländer Handwerks- und Industriebetriebe. Zu dieser Zeit stellten die Sieger-länder Walzengießereien rund 80% der deutschen Walzenproduktion mit Weltgeltung her. Ein besonderer Bedarfszweig entstand durch die verbreitete Beheizung der Wohnhäuser mit Kohle bzw. Koks oder Briketts, die seit 1861 durch die Bahnlinien an die Ruhr und an den Rhein auch im Siegerland für jedermann verfügbar waren. Die oft noch glühende Asche konnte nicht anders als in Metallbehälter entsorgt werden. Verschiedene Arten solcher "Ascheneimer" oder "Aschentonnen" kamen auf den Markt. Auch die Firma Schmidt & Melmer entwickelte ein System, erwarb Patentrechte und erreichte mit dem von ihr entwi-ckelten Ringsystem, schließlich weltweit patentiert, den Durchbruch zu einer allerseits akzeptierten, weil gut funktionierenden staubfreien Müllabfuhr. Eine Pionierleistung, die Aufträge von vielen Großstädten weltweit auslöste. Schnell wuchs die Zahl der Mitarbeiter auf 300 bis 400, die auch in den Krisenzeiten der späteren 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht wesentlich verringert werden musste.

Eine Auskunft- und Beratungsstelle wurde eingerichtet. Die Firmenleitung hatte als eine der ersten erkannt, dass die Gemeinden einer wissenschaftlich fundierten Beratung bedurften, wollten sie ihr jeweilig spezifisch unterschiedliches Problem der Müllbeseitigung lösen. Diese Beratungsstelle nahm 1911 ihre Arbeit auf, zunächst unter Leitung eines Civilingenieurs K. M. Meyer, nach 1918 von Dr. Ing. habil. Heinrich Erhard. In zahlreichen Veröffentlichungen hat Erhard über die Erfahrungen und Entwicklungen berichtet, er leistete damit weithin Entscheidungshilfe und begründete die inzwischen umfangreiche, einschlägigen Fachliteratur. Der Wirkungskreis der Auskunft- und Beratungsstelle der Firma Schmidt & Melmer beschränkte sich bis 1945 nicht nur auf deutsche Kommunalbehörden, sondern wurde in erheblichem Umfang auch vom Ausland, einschließlich Übersee, in Anspruch genommen. Dies berichtet Hösel; er fügte hinzu, dass "die Arbeit dieser Beratungsstelle wesentlich dazu beigetragen hat, das Vertrauen in die fachliche und technische Leistungsfähigkeit deutscher Fachleute und Firmen und deren Einrichtungen und Geräte auf diesem Gebiete zu stärken".

Die Einführung einheitlicher Müllgefäße war erst gegeben, als gesetzliche Grundlagen für die Überführung der Müllabfuhr in öffentliche, d.h. gemeindliche Betriebe geschaffen worden waren. Bis dahin benutzten die Bürger Kartonagen, Kistchen oder auch offene Eimer zur Aufnahme und Abfuhr ihres Abfalls. Die Mülleimer bzw. Hofstandsgefäße (Mülltonnen) der Fa. Schmidt & Melmer, die eine Staubentwicklung bei ihrer Entleerung in speziell angepasste Einfüllöffnungen in den bald motorisierten Müllabfuhrwagen ausschlossen, hatten sich durchgesetzt und allenthalben bewährt. Der Patentschutz umfasste die Idee, die Mülleimer automatisch zu öffnen und zu schließen, nachdem sie mittels einer sinnvollen und nur zum ES-EM-System passenden Vorrichtung mechanisch - später hydraulisch - an die Abschluss-klappe der Einschüttvorrichtung am Müllwagen angekoppelt und entleert worden waren. Das System wurde innerhalb von 6 Jahren von 109 Stadtverwaltungen übernommen.

Eine neue, revolutionäre Entwicklung setzte nach dem zweiten Weltkrieg sukzessive der Zinkblech-Mülltonnen-Aera ein Ende. Das war im Grunde die rasante Entwicklung des Automobils und die durch die Motorisierung erreichbare Mobilität. Der dafür erforderliche Treibstoffbedarf konnte nur mit Rohöl-Einfuhren gedeckt werden. In den riesigen Raffinerien fiel aber bei der Rohöl-Raffination neben Benzin auch (u.a.) Heizöl an. So wurden bald in Deutschland die Häuser überwiegend mit einer Ölheizung , viel bequemer, als zuvor mit Briketts oder Koksheizung, beheizt. Die Kohleförderung ging bekanntlich zeitgleich zurück, auch deshalb, weil sie zunehmend kostenintensiver wurde.

Nun aber wurden allmählich die schweren Mülleimer aus Zinkblech entbehrlich, weil immer weniger Asche anfiel. Dass selbstverständlich auch alle anderen Abfälle, auch feuchte, in die Mülltonnen gewandert waren, viel nur erschwerend - im doppelten Sinne - ins Gewicht. Bei der Entleerung verblieben durchfeuchtete Aschereste auf dem Boden der Mülleimer, sie wurde dadurch nicht nur schwerer, sondern rosteten a la long in den Falznähten doch. Dagegen bot sich nun Kunststoff anstelle von Blech als Material für Müllgefäße an, die nur noch Hausabfälle, nicht aber mehr heiße, gar glühende Asche aufzunehmen hatten. Der meistverbreitete 110-Liter-Mülleimer wog in Stahlblech 25 kg, in Kunststoff aber nur noch 6 kg!

Zu einer für die Umstellung auf Kunststoff erforderlichen Millionen-Investition fehlte den Nachfahren der Firmengründer - sowohl der späteren Geschäftsführung als auch den Gesellschaftern - aus mancherlei Gründen der Mut. Ein "Anschlusspatent" an das inzwischen abgelaufenen Hauptpatent, die Erneuerung defekter Böden, war kaum zukunftsichernd. 1959 wurde die erfolgreiche Firma Schmidt & Melmer nach fast 90-jährigem Bestehen in Ehren liquidiert und das verbleibende, nicht unbeträchtliche Vermögen unter den Gesellschaftern aufgeteilt. Der Autor des sonst so informativen "Zeit"-Artikels, Roland Kirchbach, irrte mit seiner Mitteilung, dass die "Müll-Pionierfirma Schmidt & Melmer im Kunststoffzeitalter Pleite machte".

Die Firmen Sulo ( Steuber & Lohmann ) in Herford, die Firmen Schäfer in Neunkichen bei Siegen und Gebrüder Otto in Kreutztal, ebenfalls bei Siegen, konnten nach Ablauf des Patentschutzes das Erbe der Firma Schmidt & Melmer antreten. Otto, der in jungen Jahren bei S&M tätig gewesen war, hatte sich 1934 in Kreutztal selbstständig gemacht. Er berichtete dem Journalisten R. Kirchbach, dass "wir die mobilen Sachen von denen (von S&M, d.A.) übernommen haben". Otto nahm 1937 seine 6 Brüder als Gesellschafter in seine Firma mit auf, sie hieß nun Gebrüder Otto KG. Erst Anfang der 60-er Jahre, als der Patentschutz abgelaufen war, stellte man in diesen Firmen auch Mülleimer bzw. -tonnen, jedoch jetzt in Polyäthylen, her, einem leichten, zugleich hitze-, frost- und chemikalienbeständigen Kunststoff. In weit größerem Umfang, als Schmidt & Melmer zuvor, produzierten diese Firmen Müllgefäße, bekanntlich sogar in unterschiedlichen Farben, weil für die heutige Gesellschaft ungleich mehr Güter incl. deren Verpackung erzeugt werden, als jemals zuvor. Die "Wegwerfgesellschaft" braucht eben auch Gefäße, damit sie ihrem Namen Rechnung tragen kann. Als Beispiel sei die Stadt Los Angeles genannt, sie bezog allein von Otto 2,5 Millionen Mülltonnen!


Literatur:

1. Gottfried Hösel: Unser Abfall aller Zeiten; eine Kulturgeschichte der Städtereinigung. Jehle-Verlag 1987, 243 Seiten DIN A4, zahlreiche Bilder und Illustrationen. (Titel einer leider in viel zu geringer Auflage erschienen Kulturgeschichte der Städtereinigung. Autor ist Prof. Dr.Gottfried Hösel, Bonn, der diese einmalige, umfassende Darstellung der Problematik "Mensch und Müll" seit den Anfängen der Hochkulturen im Auftrage des Verbandes Kommunaler Städtereinigungsbetriebe e.V. schrieb. Vor ihm hatte wohl schon George Bernd Shaw, der bekannte englische Schriftsteller mit seinen Beschwerde-Briefen an die Obrigkeit eine eigene Müll-Literatur verfaßt. Sie blieb aber außerhalb seines Landes unbekannt und war sicher um einiges kleiner als die Dokumentation Hösels.
2. Eigenpräsentation der Geschäftsleitung, veröffentlicht aus Anlass der 700-Jahrfeier der Stadt Siegen im Jahre 1924 in der großformatigen Festschrift, herausgegeben von Dr.Hans Kruse im Verlag der Siegener Zeitung.
3. Ewald Holdinghausen: Die geschichtliche Entwicklung der Industrie Weidenaus im Zeitraum von 1900-1963. Eigenverlag 10/1963.
4. Roland Kirchbach : Eine kurze Geschichte der Mülltonne. In: Die Zeit, Nr. 22, 27. Mai 1994.
5. Hermann Böttcher: Auf den Hütten; Orts- und Industriegeschichte der Gemeinde Weidenau (Sieg). Selbstverlag des Vereins für Heimatkunde und Heimatschutz im Siegerland samt Nachbargebieten, Siegen 1949.
6. Alfred Lück: Die eisenschaffende und -verarbeitende Industrie des Siegerlandes. In: Siegerland zwischen gestern und morgen. Landkreis Siegen 1965.




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